Martin Dinges: 15 Jahre Netzwerk Jungen- und Männergesundheit

Das Netzwerk Jungen- und Männergesundheit wurde am 7. November 2005 ins Leben gerufen. Bis heute versteht es sich primär als niedrig strukturierter Zusammenschluss engagierter Personen und Institutionen. Das lange Bestehen des Netzwerks, der Austausch und die gegenseitige Qualifizierung sind als sehr positiv zu betrachten. Die Netzwerktreffen entwickelten sich hin zu einer professionellen Zusammenarbeit mit öffentlichen Einrichtungen (zum Beispiel Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, Stadt Nürnberg) und erlaubte die Mobilisierung zusätzlicher externer oder lokaler Referent*innen. Beides verbessert die Qualifizierung der Teilnehmenden nach innen sowie die Bekanntheit des Themenfeldes nach außen. Die Vernetzung mit anderen wichtigen Akteuren ist über die Jahre gut vorangekommen: Ob mit der Stiftung Männergesundheit, der LVG & AFS oder dem Robert Koch-Institut (RKI) – all diese Kooperationen sind durch das Netzwerk gefördert worden. Darüber hinaus begünstigte das Netzwerk die internationalen Kooperationen mit anderen deutschsprachigen Ländern oder darüber hinaus. So wurde das Thema auch in den Gesundheitsministerien mit einer Reihe von Tagungen und Folge-Publikationen greifbar. Die Fülle von Netzangeboten und Materialien, die aus Aktivitäten einzelner Netzwerkmitglieder beziehungsweise der genannten Kooperationen hervorgegangen sind, ist beachtlich: Als Beispiele sind die Dresdener Website www. pflege-deinen-schwanz.de, die Männergesundheitsberichte und die Broschüren-Serie der Stiftung Männergesundheit oder der Ergebnisbericht des europäischen Kooperationsprojektes Health Literacy Progress for Men in Europe (HelpMen) zu nennen.

Transfer des Themas in Institutionen

Darüber hinaus ist das Thema auch in den Institutionen zagaft angekommen: Der RKI-Bericht zur gesundheitlichen Lage der Männer in Deutschland (2014) war wohl auch symbolisch wichtig; er wurde parallel zum Männergesundheitsportal der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (Freischaltung 2012) entwickelt. Eine Stelle im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend hat mittlerweile sogar das politisch höchst sensible Thema Gewaltschutz entdeckt und fördert es institutionell. Länderberichte wie jener aus Baden-Württemberg (2015) waren ebenfalls Ausdruck einer höheren politischen Beachtung des Themas, die erstmals zu einer kleinen Projektfinanzierung führte. In Sachsen ist man mit der Landesarbeitsgemeinschaft Jungen- und Männerarbeit (LAG Sachsen) weiter. In den meisten Bundesländern kam man jedoch über parlamentarische Anfragen nicht hinaus. Auf der kommunalen Ebene sind, insbesondere in Bayern und in Stuttgart, im Rahmen von Gleichstellungsabteilungen erste Stellen für Männerbedarfe eingerichtet worden. Diese zarten Pflänzchen könnte man als institutionellen Frühling der Männergesundheitsarbeit feiern, aber sie bleiben regional sehr konzentriert. Nach den ersten 15 Jahren ist dem Netzwerk Etliches gelungen.

Perspektiven

Es bleiben viele Aufgaben offen: Erstens müsste das regionale Ungleichgewicht behoben werden: Erstaunliche Lücken bestehen durchgehend im Westen sowie im Norden und Nordosten Deutschlands – dies zeigt, dass es sehr auf einzelne Aktivisten ankommt und von einer breiten Bewegung nicht die Rede sein kann. Vieles im Netzwerk ist dem kontinuierlichen Engagement von Wenigen verdankt. Zweitens wäre eine stärkere institutionelle Verankerung einer Männerbedarfe beachtenden Prävention und Gesundheitspolitik notwendig. Eine fachliche Revision der bisherigen Präventions- und Politikansätze steht noch aus. Kommunale, länder- und bundesweite Männergesundheitsziele und -pläne müssten formuliert und konsequent umgesetzt werden. Deutschland hat im internationalen Vergleich Einiges aufzuholen. Drittens fehlt Forschung, die die Praxis verbessert. Dafür und für eine bessere Implementierung wäre öffentliche Förderung notwendig, die über symbolische Peanuts hinaus geht. Das dürfte sich nur erreichen lassen, wenn das Netzwerk stärker wird, mehr Bündnispartner findet und sich in der Öffentlichkeit vernehmbar artikuliert.

Quelle: Impulse für Gesundheitsförderung 109 / 2020, S. 21

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